Die Blockchain erobert den Energiebereich

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Quartierstrom ist der erste lokale Strommarkt in der Schweiz auf der Basis von Blockchain. Weltweit sind verschiedene Projekte im Bereich Peer-2-Peer-Netzwerke mit Blockchain-Technologie im Aufbau oder am Laufen. Der Blick auf ausgewählte Projekte zeigt, wie dynamisch die Entwicklung ist.

 

In Walenstadt wird mit dem Projekt «Quartierstrom» Energiegeschichte geschrieben: Seit Anfang Januar 2019 ist der erste lokale Strommarkt der Schweiz in Betrieb, unterstützt vom Bundesamt für Energie als Leuchtturmprojekt. Quartierbewohner kaufen und verkaufen Solarstrom untereinader – ohne Energieversorger als Zwischenhändler. Prioritär verbrauchen die Prosumenten den Solarstrom im eigenen Haushalt, nur die Überschüsse handeln sie im Quartier. Produzieren die Solaranlagen mehr Strom als die Gemeinschaft zeitgleicht konsumiert, nimmt das Wasser- und Elektrizitätswerk Walenstadt (WEW) den Strom ab. Umgekehrt liefert der Energieversorger Strom, wenn die lokale Produktion zu tief ist.

 

Handel über Blockchain

Über ein Portal können die Produzenten den minimalen Preis für ihren Solarstrom festlegen. Die Konsumenten stellen ein, wie viel sie maximal bereit sind, für den lokalen Strom zu berappen. Der resultierende Handel wird automatisch über eine Blockchain abgewickelt. In allen teilnehmenden Haushalten wurde hierzu ein Mini-Computer mit integriertem Stromzähler und Blockchain-Software installiert. Diese Blockchain-Knoten geben viertelstündlich gemäss den individuellen Preiseinstellungen Gebote für den Kauf bzw. den Verkauf von Solarstrom ab und berechnen nach einem Auktionsmechanismus, wer den Zuschlag zu welchem Preis erhält.

 

Australien mit einem Monat Vorsprung

Ein ähnliches Pilotprojekt ist in West-Australien mit einem Monat Vorsprung Anfang Dezember 2018 gestartet. Wie in Walenstadt können die 40 teilnehmenden Haushalte in der Stadt Fremantle ihren überschüssigen Solarstrom in der Nachbarschaft über das existierende Netz des lokalen Versorgers handeln. Auf einer Plattform auf einer Power-Ledger-Blockchain können sie Preise für den Kauf und Verkauf von Solarstrom festlegen, nahezu in Echtzeit. Das Pilotprojekt «RENew Nexus» wird von der Universität Curtin geleitet und soll bis Juni 2019 dauern.

 

Der Pionier: Microgrid in den USA

Als Vorreiter hat das «Brooklyn Microgrid» weltweit für Aufsehen gesorgt. Das junge New Yorker Energieunternehmen LO3 Energy testet dort seit 2016 gemeinsam mit Siemens Digital Grid ein Microgrid, über das Nachbarn auf einer Blockchain-Plattform Solarstrom handeln. Inzwischen speisen über 60 Produzenten Solarstrom in das Quartiernetz. Motivation der Initianten war der tagelange Stromausfall nach dem Hurrican Sandy im Jahr 2012. Im Gegensatz zu Quartierstrom-Projekt in Walenstadt, wo der Stromtransfer über das Verteilnetz des Elektrizitätsversorgers erfolgt, wurde in Brooklyn ein privates Microgrid aufgebaut, das im Notfall auch autark funktioniert.

 

Schweizer Stromhandelsplattform in Deutschland in Betrieb

Auch die Axpo setzt auf Blockchain. Sie betreibt die Stromhandelsplattform «Elbox», über die Konsumentinnen und Konsumenten ihren regionalen Strommix selbst zusammenstellen können. Die Blockchain liefert den Herkunftsnachweis, das heisst sie garantiert, dass jede verkaufte Kilowattstunde Strom im entsprechenden Werk auch produziert wurde. Die Kunden wählen auf der Plattform die gewünschten Stromanbieter aus und gewichten diese prozentual. Die Produzenten bestimmen den Verkaufspreis. Für den Kunden bleibt der Preis, der bei seiner Auswahl gültig war, für ein Jahr garantiert. Im deutschen Wuppertal ist die Elbox bereits im Einsatz. Im Vergleich zu Quartierstrom hat der Konsument bei Elbox keinen Einfluss auf die Preisgestaltung. Der Markt basiert nicht auf einem Auktionsmechanismus und ist weniger dynamisch.

 

Eigenverbrauch über Blockchain

Postfinance und Energie Wasser Bern haben gemeinsam eine Blockchain-basierte Abrechnung für Eigenverbrauchsgemeinschaften entwickelt. Die Stromtransaktionen werden via Blockchain abgewickelt und automatisch verrechnet. Die Lösung «Blockchain for Utility», oder kurz B4U wurde in einem ersten Pilotprojekt mit einem Immobilienbesitzer und einer Genossenschaft getestet. Die Nutzerinnen und Nutzer loggen sich auf einem Portal ein und können dort ihren Stromverbrauch und die dafür anfallenden Kosten (fast) im Viertelstundentakt abrufen. Ziel ist, den administrativen Aufwand bei der Stromabrechnung deutlich zu reduzieren.

Diese Initiativen zeigen: Blockchain hat Einzug in den Energiesektor gehalten. Wir sind gespannt, wie die Entwicklungen weiter gehen.

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